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Thomas Kemnitz, Robert Conrad, Michael Täger:

Stillgelegt: 100 verlassene Orte in Deutschland und Europa

Die Annäherung an das Thema Lost Places erfolgt über die Bedeutung des Wortes und des Zustands „Stillstand“ - und genau das bildet das Buch auch ab. Da dieser Bildband verlassene Orte in ganz Europa vorstellt, bedarf es einer Einteilung, und die erfolgt hier in fünf Themen, aus denen die von ihren Erbauern und Nutzern verlassenen Orte stammen:


Im Teil „Produzieren“ geht es um Industriebauten und Fabrikarchitektur. Hier findet man Fotos von Elektrizitätswerken über die Battersea Power Station, eine Hutfabrik bis zur Börde-Brauerei. Im Teil „Leben“ werden Rückzugs- und Erholungsorte vom Spreepark über das Olympische Dorf von 1936 bis zu einer ganzen Geisterstadt vorgestellt. Gerade an diesem Beispiel bekommt man mal den ganzen Querschnitt, wie sich Stillstand manifestieren kann – das ist beeindruckend, beängstigend und macht den Reiz für diejenigen, die der Schönheit verlassener Orte noch nicht erlegen sind, vielleicht am ehesten greif- bzw. nachvollziehbar. Der Teil „Bilden“ bzw. Bildung als ein zentrales Thema im menschlichen Leben und stellt Denkmäler, den Palast der Republik, Kirchen u. Ä. vor. „Transportieren“ stellt Gebäude vor, die notwendig wurden, weil durch Technisierung und Industrialisierung die Notwendigkeit entstand, Güter und Menschen zu transportieren, also Bahnhöfe, Brücken, Schleusen, Flughäfen. Im letzten Teil „Schützen“ geht es um solche Gebäude, die dazu dienten, Bewohner, ganze Völker oder auch ausgesuchte Eliten zu schützen, nämlich Stadtbefestigungen, Regierungsbunker, Gefechtsstände, Kasernen oder die NSA Field Station Berlin Teufelsberg.


Am Schluss des jeweiligen Kapitels findet sich ein kurzer Abriss zu den einzelnen Lost Places. Da die vorgestellten Orte mehr oder weniger quer durch Europa verteilt sind (viele in der ehemaligen DDR, aber auch Sarajevo oder Italien) ist die Europakarte im Vorsatz, wo die Orte liegen, ein großer Gewinn (mein Wunsch an diese Art von Büchern wurde erhört!).


Die vorrangige Leistung der Fotografen besteht darin, den Moment des Stillstands und Verfalls zu dokumentieren, bevor die alten und manchmal auch noch gar nicht so alten Überbleibsel vollständig verschwinden oder einer neuen Nutzung zugeführt werden – vor allem vor dem Hintergrund, dass ein Großteil der Gebäude schon nicht mehr steht. Ein kleines Schmankerl sind die kurzen Statements der Fotografen, wie sie zu ihrer „Berufung“ Lost Places kamen – denn die erkennt man teils in den Fotos wieder.


Tja, wozu soll man sich also ein großes, schweres Buch kaufen, wo das Internet doch eine Unzahl an meist kostenfreien Fotos bietet? Nun, verlassene Orte haben meist eine ganz eigene Ästhetik – und die findet sich auch hier: die Fotos sind wirklich gut gemacht und bieten eine gute Auswahl (für deren Suche man sicher mehr Zeit brauchte). Allerdings ist Zeit nicht der Faktor bei dem Buch, denn mit den Texten ist man zwar schnell durch, doch manche Bilder ziehen einen einfach in ihren Bann und lassen einen so schnell nicht mehr los.

DuMont Reiseverlag

224 Seiten

29,99 €

978-3770188888