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Einmal mehr die Geisterstätten

Martin Kaule, Arno Specht

Geisterstätten: Vergessene Orte in Mecklenburg-Vorpommern

Erneut legt Arno Specht einen Band seiner Geisterstättenreihe vor – dieses Mal in Kooperation mit Martin Kaule. Der Klappentext verspricht viel – ob das Buch die Versprechen halten kann? Die vorherigen Bände der Serie lassen hoffen.

Viele denken bei Mecklenburg-Vorpommern an die nach dem Bundesland benannte Seenplatte und die Ostsee – doch damit ist man auf dem Holzweg, wenn das das Einzige ist, was man weiß. Denn Mecklenburg-Vorpommern ist auch und gerade eine strukturschwache Gegend … und die sind normalerweise reich an verlassenen Orten, die noch nicht der Gentrifizierung zum Opfer gefallen sind. Das Buch folgt dem gleichen Konzept wie die bisherigen Bände und will kein „Reiseführer“ zu verlassenen Orten sein. Dennoch gibt es einen inhaltlichen Unterschied zu den bisherigen Titeln: Denn sonst kann man sich beim Anblick von Industrieruinen gruseln oder sich ausmalen, wie es in den Fabriken zugegangen sein mag – aber die gab es in Meck-Pomm kaum.

Insofern reicht das Angebot der vergessenen Orte in Mecklenburg-Vorpommern von der Navigationsschule über die Flakartillerieschule bis zu verlassenenen Flugplätzen. Es gibt aber auch „prominentere“ Orte, wie das KdF-Seebad in Prora. Hier findet sich Deutschlands längstes Gebäude, das ob seiner schieren Größe zwar nicht zu übersehen, aber dennoch offenbar zu vergessen ist. An diesem in der NS-Zeit schon genutzten, umfunktionierten und nun teilweise wieder genutzten Ort kommen die beiden Bilder von Mecklenburg-Vorpommern einander schon recht nah: traumhafte Landschaft und trostlose Verlassenheit. Beim Kurhaus Zippendorf fragt man sich beim Lesen unwillkürlich, was mehr erzählt, dass nichts mehr geht: die leeren Fensterhöhlen oder die daraus und darum wachsenden Bäumchen oder gar das recht frisch gedeckte Dach? Dagegen entbehren bestimmte Gemälde in der Landesirrenanstalt Domjüch bei ihrer doch recht wendungsreichen und teils düsteren Geschichte nicht einer gewissen Ironie – ähnlich wie das offenbar immer noch auf seine Reinigung wartende Geschirr an der Geschirrrückgabestelle eines Stasi-Bunkers. Manchmal wundert man sich nur, dass an einem so verlassenen Ort mal über 1000 Menschen täglich ein und aus gegangen sein sollen; ein ander Mal, dass man selbst schon fast an einem der Orte vorbeigefahren sein muss, ohne auch nur das geringste Bisschen zu ahnen, was man „verpasst“ – und dann wird einem klar, WIE verlassen mancher dieser Orte tatsächlicht ist. Die Leistung des Buches liegt darin, zu vermitteln, wie nahe bei den Geisterstätten Verfall und eine schwer beschreibbare Ästhetik liegen. Und bei manchen Geschichten, wie der des Kinderheims in Zinnowitz blitzen auch die dahintersteckenden menschlichen Tragödien durch: Neben der sehr plastischen Schilderung, wie die Natur das Heim zurückerobert, löst die Schilderung der menschlichen Hinter- und Abgründe fast schon Gänsehaut aus.

Auch dieses Buch gibt einen Einblick darin, wie nah Schönheit und Verfall, Rettung und Trägödie bei den verlassenen Orten sind – dieses Mal jedoch kommen die menschlichen Hintergründe etwas kürzer als in den anderen Bänden. Dennoch ist das Buch für jeden Anhänger verlassener Orte fast schon ein Muss.

Jaron

12,95 €

96 Seiten

978-3897737945