Literatur News

Spenden

 

Vergessene Orte in Dresden - Christine Gruler/Arno Specht - Geisterstätten Dresden – Vergessene Orte

Wie auch schon in seinem Band über Berlin stellen die Specht und Gruler 14 vergessene Orte in Dresden und Umgebung vor. Auch hier geht Specht unbeirrt seiner Faszination für die Suche nach Antworten auf die Frage nach, was bleibt, wenn Menschen gehen bzw. gegangen sind. So beschreiben die Autoren eine Zeitreise, die man an vergessenen Orten macht und die doch nur Momentaufnahmen sind, denn schon zwischen Besuch eines Ortes und Erscheinung des Buches präsentiert sich mancher Orte ganz anders.

Betrachtet man die Bilder des Lahmann-Sanatoriums, scheint das Gebäude auf den ersten Blick relativ gut erhalten, doch schon beim Umblättern zeigt sich ein zumindeste teilweise anderes Bild. Wenn man dann noch liest, dass das Gelände 35 Hektar umfasst, ist klar, dass es Begehrlichkeiten weckt. Doch Specht erzählt dem Leser so viel vom Leben dort, dass sich vor dem inneren Auge Bilder formen – die einen wünschen lassen, dass dieser Ort auf alle Zeiten „konserviert“ wird. Auch in der Geschichte des Neuen Jägerhauses in Grillenburg hebt Specht vor allem auf das Leben und Wirken des Eigentümers bzw. dessen Gesellschaft und ihrer Nachfolger ab – das ist schon ein kurioses Stück Geschichte, wohlgemerkt mit „Geschmäckle“ wie man dort, wo man alles kann außer Hochdeutsch, sagen würde … War es Hochmut, der solche Geschichten ermöglichte? Diese Frage stellt man sich bei manchen der Orte, so auch beim Speisehaus der VEB Strömungsmaschinen Pirna. Ohnehin stellt man sich einige Fragen: Was haben die in der „Korrektionsanstalt Saalhausen“ getrieben? Lektorat oder Chiropraxis im großen Stil? Oder war das eine Anstalt, die diese Disziplinen regelt? Die Antwort ist ernüchternt, denn irgendwie ist die Geschichte dieses Ortes düster – offenbar war das Gebäude (und seine Bewohner) immer irgendwie vom Pech verfolgt.

Auch hier staunt man, welch schöne Details in alten Gebäuden verbaut wurden, wie unterschiedlich gut manche Gebäude von innen und außen aussehen und wie sich die Zeitabstände zwischen Verlassen und Verfall doch unterscheiden. Hinzu kommen die Fragen, die Specht sich beim Besuch der Orte stellte – und in Summe wecken diese Fragen dann ein Bild … Insgesamt hebt Specht stark auf das ab, was die Gebäude und ihre Bewohner erlebt haben – was einen ganz anderen Zugang zu diesen Orten bildet als Bildbände. Die Texte, eine schöne Mischung aus Bericht, Begeisterung fürs Thema und auch einem gewissen Schreibtalent, lesen sich flüssig. Wer sich für das Thema interessiert und nicht gleich Bild- und Textband kaufen will, sollte sich überlegen, ob er eher Bilder oder eher Geschichten haben will …

Jaron

96 Seiten

12,95 €

978-3897739277