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Mittendrin und doch verloren - Arno Specht - Geisterstätten Berlin – Vergessene Orte

Angefangen hatte alles mit einem Experiment: Arno Specht fragte sich, ob sich jemand für die vergessenen Orte Berlins interessiert. Und das Experiment gelang – so dass es nun eine Neuauflage gibt. Spechts Spurensuche begann damit, dass sein Sohn über die Beelitzer Heilstätten stolperte: die Faszination für vergessene Orte war geboren. Im Vorwort reißt der Autor kurz an, dass die Wende vielen der porträtierten Orte „das Genick brach“ und die Schönheit des Verfalls vergänglich ist – nicht zuletzt, weil einige der Gelände Filetgrundstücke in Städten belegen, die ohnehin mit Platznot kämpfen.

In Summe werden in dem Buch 14 vergessene Ort in Berlin und Umgebung vorgestellt. Den Beginn machen die Beelitzer Heilstätten, mit denen ja auch beim Autor alles begann. Hier erfährt man ausgesprochen viel über Geschichte und Architektur – und der Titel, den Specht für seinen Bericht über die Heilstätten wählt, sagt schon so einiges: Ein Zauberberg für das Proletariat vom Wedding und aus Moabit. Das ist mal eine eher literarische Näherung an das Thema, die in Kombination mit den Fotos die Atmosphäre dort deutlich macht. Bei Specht wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie kurz die Blütezeit von Beelitz tatsächlich war – obwohl ich die Daten sicher auch schon aus anderen Quellen kannte. Ein Beispiel, das verdeutlicht, wie kurz wiederum die Zeit zwischen Nutzung und Verfall eines Geländes oder Gebäudes bemessen sein kann, ist das Freizeitbad Blub (man beachte die originelle Namensgebung), das zwar erst 2005 geschlossen wurde, doch bis auf den Geruch von Chlor kaum noch an ein Badeparadies zu erinnern vermag. Den Abschnitt über den Teufelsberg sollte man lieber selbst lesen, da er dank diverser Abhörskandale eine Art traurige Aktualität hat … Mit einer an sich vollkommen sachlichen Schilderung über die Bärenquell-Brauerei und die Akten im dortigen Betriebsratsbüro gelingt es dem Autor, ein doch sehr eindrückliches Bild zu vermitteln. Ähnlich gut, wenn nicht besser gelingt die Schilderung eines echten „Endzeit-Ortes“: welcher gemeint ist und wer wissen will, wieso die Geschichte so gelungen ist, sollte lesen, welche Beziehung der Autor zu diesem Ort hat. Deutlich wird hier auch die Widersprüchlichkeit verfallen(d)er Orte, die sogar zu einem regelrechten „Inbegriff des Todes“ geraten können und andererseits mühelos als Filmkulisse herhalten …

Beim Lesen der Geschichten der Orte schwankt man zwischen Staunen, blankem Grauen und Schmunzeln über ein geradezu ulkig anmutendes Kuriositätenkabinett. Hierzu leistet Specht einen großen Beitrag, denn er schafft es bei den meisten vergessenen Orten zumindest Teile ihres ehemaligen Daseins vor dem inneren Auge des Lesers erstehen zu lassen. Dies liegt sicher daran, dass er sich recht gut auskennt bzw. gründlich recherchiert hat.

Da die Bücher mehr Texte und eher kleine und wenig großformatige Bilder enthalten, können die Fotos relativ wenig Wirkung entfalten im Vergleich zu Bildbänden über Lost Places. Dennoch gelingt es, teils noch gut erhaltene und hübsche Details zu zeigen und gleichzeitig zu verdeutlichen, dasss Zerfall und Zerstörung unaufhaltsam voranschreiten.

Jaron

96 Seiten

12,95 €

978-3897737549