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Lost Places in Farbe

Burkhard Schade: Farben des Verfalls: Vergessene Orte zwischen Dresden und Meißen

Das Buch zeigt wie der Titel schon sagt vergessene Orte in Dresden (4 Stück), Meißen (2 Stück) und noch den einen oder anderen in der Gegend. Es entstand, weil der Fotograf auf alte Häuser neugierig war, welche Spuren und Geheimnisse ihres Lebens Menschen dort hinterlassen haben und weil aus der Neugier die Faszination ob der Würde und Anmut, der Persönlichkeit der alten Gebäude gewachsen sei.

In Dresden werden z. B. das Lachmann-Sanatorium und die Goehle-Werke vorgestellt. Wenn man diese beiden vergleicht, fällt schon das breite Spektrum auf, das Lost Places „bespielen“: Da ist zum einen ein großes Gelände in bevorzugter Lage über der Stadt, dessen Gäste zunächst Adlige, später Industrielle und Künstler waren (offenbar aber nicht jedermann, was man dem Gebäude auch ansieht) und das nach einer Zeit des Leerstands nun bewohnt wird. Und dann sind da die Goehle-Werke, die im Vergleich zum Sanatorium oder alten Gütern doch recht prosaisch-trutzig daherkommen, dafür im Inneren zumindest teilweise besser erhalten sind. Wenn man sich jedoch vor Augen führt, wie das Gebäude genutzt wurde, (teils Waffenproduktion mit KZ-Häftlingen) ist dies einerseits verwunderlich, andererseits auch wieder nicht – zumindest aber ein wenig gruselig.

Außerdem wird ein ehemaliges Rittergut porträtiert, dessen Sanierung und Ausbau zu einem Rehabilitations- und Begegnungszentrum ein Verein kurz nach der Wende begann. Außerdem lernt man das Wasserschloss Oberau kennen, das erhalten blieb, weil dort Wohnraum für fast 10 Familien geschaffen wurde. Hier sind auf den Fotos noch ganz alte Details, was es seltsamerweise schon weniger bedrückend macht als andere alte Gebäude – vielleicht liegt das auch an einem ganz bestimmten Foto, das eine unfreiwillig Komik entwickelt (welches Foto das ist, wird nicht verraten – dazu gibt es ja das Buch).

Der Fotograf hat sich in diesem Band für bunte Fotos entschieden, da er bei einem Besuch in Beelitz erkannt habe, dass das Altern keine Frage von Schwarz und Weiß sei und er nun wortwörtlich die „Farben des Verfalls“ suche. Vergleicht man einen Lost-Place-Band in Schwarz-Weiß und diesen, nimmt die Farbe der Bilder tatsächlich einiges von dem beklemmenden Gefühl, das sich bei ihrer Betrachtung einstellen kann, gibt ihnen aber auch „Tiefe“. Vollends entfaltet Farbe natürlich ihre Klasse bei Fotos, wo die abblätternde Farbe an den Wänden unterschiedliche Schichten freilegt. Die Texte sind nur kurz und erzählen grob die Geschichte des Gebäudes.

Wenn man sieht, wie intakt manche der Gebäude von außen aussehen und innen doch komplett „unbrauchbar“ sind, fallen manchem Betrachter vielleicht auch in seiner Stadt Gebäude ein, die bald „lost“ sein dürften – wenn sie's nicht schon sind. Wenn es das Ziel des Autors bzw. Fotografen war, darauf aufmerksam zu machen, ist es ihm gelungen – zumindest bei mir.

Mitteldeutscher Verlag

160 Seiten

24,95 €

978-3954621880